Kolonialismus - Eine Aufarbeitung historischer Schuld
22. April 2026
schuldkult, Geschichte, kolonialismus
Der europäische Kolonialismus ist im heutigen Sinne mit Schuld und Selbstanklage verbunden. Doch war der Kolonialismus wirklich systematische Unterdrückung fremder Völker aus Macht- und Profitgier? Wer hat wirklich davon profitiert? Was waren die Ambitionen und Werte, die zur Kolonialisierung geführt haben? Und wie kommt es, dass der Kolonialismus je weiter er in die Vergangenheit rückt, immer einseitiger und düsterer dargestellt wird? Mit dem folgenden Text lesen Sie unser Editorial zur neuen Ausgabe Kolonialismus - Eine Aufarbeitung historischer Schuld
Die Schuld wird nicht mehr hinterfragt oder geprüft, sondern angenommen und als gegeben verfestigt. Der entscheidende Punkt liegt darin, dass Widerstand beim Betroffenen gar nicht erst entsteht. Wo Schuld verinnerlicht ist, entfällt der Impuls zur Verteidigung. Der Betroffene stellt sich nicht mehr gegen den Vorwurf, sondern übernimmt ihn selbst und wird damit zum Ankläger gegen sich selbst.
Überträgt man diese beiden Mechanismen auf den gesellschaftlichen Umgang mit der eigenen Geschichte, insbesondere in Bezug auf den Kolonialismus, ergibt sich daraus eine für die westliche Gesellschaft höchst unheilvolle Dynamik, der wir uns heute gegenübersehen. Oder anders betrachtet: Was verbinden Sie mit dem Kolonialismus? Sind es Bilder von Schwarzen in Ketten neben bewaffneten Weißen? Szenen von Ausbeutung, Unterdrückung, Bereicherung und Menschenrechtsverletzungen? Bilder von Not und Elend, deren Ursache eindeutig unseren Vorfahren zugeschrieben wird?
Genau solche Bilder prägen unser heutiges Verständnis. Wir befinden uns in jener Gegenwart, von der eingangs die Rede war, der «Gegenwart, die die Vergangenheit kontrolliert». Eine Vergangenheit, in diesem Fall den Kolonialismus, welcher uns nahezu ausschließlich in dieser verachtenswerten Form von Ausbeutung und Unterdrückung vermittelt wird. Bereits im Vorschulalter wird Kindern der Samen der eigenen Schuld an den Verbrechen und Ungerechtigkeiten ihrer Vorfahren gegenüber Andersfarbigen in Form emotional aufgeladener Geschichten in Kinderbüchern oder im Kinderfernsehen eingepflanzt. Über die Jahre hinweg wird dieses Bild im schulischen und gesellschaftlichen Kontext weiter vertieft und verfestigt, begleitet von allgegenwärtigen Bestätigungen in Medien, Literatur, Film, Wissenschaft und Politik.
Mit zunehmendem Alter wachsen diese Schuldzuweisungen nicht nur in ihrer Tragweite, sondern auch in ihrer Vielfalt, genährt von der Kreativität und Fantasie jener zerstörerischen Kräfte, die sie stetig neu formen und gezielt einsetzen, um den europäischen Bürger auf unterschiedlichste Weise unter Druck zu setzen. Längst hat der deutsche Nachfahre bei Weitem nicht mehr nur die angebliche Alleinschuld an den Weltkriegen zu tragen. Er - und mit ihm der ganze Westen - gilt als verantwortlich für alles Leid der Menschheit, der Tierwelt, der Umwelt und selbst für das wandelnde Klima gilt er als Urheber und Täter. Mittlerweile sieht er sich einer global befeuerten Dynamik der Antiweißen-Rhetorik gegenüber, die ihn zum Sündenbock stilisiert, ja gar zum Teufel selbst, ohne den der Rest der Welt im Garten Eden weilen und in Frieden und Wohlstand leben könnte.
Paradox dabei ist, dass man so ziemlich jedem Volk die üblichen Verbrechen der Menschheitsgeschichte vorwerfen könnte, doch allein der westliche Bürger steht im Fokus der Anklagen, während der Rest mit dem Finger auf ihn zeigt.
Auch wenn dieses Narrativ durch seine
zunehmende Aggressivität und immer absurderen Zuschreibungen sichtbar an Überdehnung leidet und immer mehr Menschen beginnen, die Widersprüche zu erkennen, sitzt die über Jahrzehnte verinnerlichte Schuld noch immer tief genug, um weitreichende, damit begründete Maßnahmen nahezu widerspruchslos zu akzeptieren: Offene Grenzen, Massenzuwanderung in bereits überlastete Sozialsysteme und milliardenschwere Transfers in Drittweltstaaten werden im Gleichklang von Politik, Medien und Wissenschaft als moralisch gebotene Sühne verklärt, während jedes, noch so sachlich begründete Hinterfragen reflexartig mit der Rassismus- oder Nazikeule delegitimiert wird.
Wenn Sie beim Stichwort Kolonialismus zusammenzucken oder zumindest an- und hinnehmen, dass es sich dabei um ein «düsteres Kapitel» der europäischen Geschichte handelt, gilt es zu reflektieren, worauf diese Einschätzung beruht, und zu hinterfragen, ob die sachliche Grundlage dafür existent und derart einseitig ist. Was war der Kolonialismus überhaupt? Wie ist er in einer Menschheitsgeschichte einzuordnen, in der Krieg und Eroberung eher die Regel als Ausnahme waren - auch ganz ohne europäisches Zutun? Wann und auf welche Weise vollzog sich in dieser zumindest aus heutiger Sicht furchtbaren, gewaltgeprägten und Jahrtausende andauernden Geschichte der Wendepunkt, ab dem etwa die zuvor in nahezu allen Kulturen verbreitete Sklaverei zur Ausnahme wurde?
«Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit», und wer die dabei entstehenden oder konstruierten Narrative nicht bewusst erkennt, reflektiert und hinterfragt, sondern sie lediglich hinnimmt, kontrolliert gar nichts, sondern wird kontrolliert durch Konditionierung, die reflexartig einsetzt, sobald das Narrativ und damit das eigene Weltbild ins Wanken geraten.
Womöglich ergibt sich auch für Sie auf den folgenden Seiten ein neues, etwas ausgewogeneres Bild zur eigenen Geschichte.
In diesem Sinne dient der erste Teil der vorliegenden Doppelausgabe nicht allein dazu, einen anderen Blick auf die Vergangenheit zu eröffnen, sondern auch auf uns selbst: Was haben wir unhinterfragt als wahr und richtig angenommen, akzeptiert und tief in uns verankert, das sich bei näherem Hinsehen als nichts anderes denn als gegen uns selbst gerichtete Manipulation erweist?
Mit diesem Gedanken wünsche ich Ihnen nun eine erkenntnisreiche Lesezeit!
Herausgeber André Barmettler im Editorial zur Doppelausgabe Kolonialismus - Eine Aufarbeitung historischer Schuld